Everest Base Camp Trek: Auf den Spuren der Sherpa

Das Kloster Tengboche liegt inmitten einer gewaltigen Bergkulisse und ist nur eine der beeindruckenden Stationen auf dem Everest Base Camp Trek.

Auf dem Everest Base Camp Trek begeben wir uns auf eine atemberaubende Wanderung durch das östliche Himalaya-Gebirge. Und mehr als das: Die zehntägige Tour führt uns auch hinein in die Lebenswelt der Sherpa, die die Khumbu-Region Nepals seit Jahrhunderten bevölkern.

Eingebettet zwischen den eisigen Flanken des Himalaya – direkt am Rand des berühmten Khumbu-Gletschers – erscheint die karge Umgebung fast wie eine Mondlandschaft. Nördlich schiebt sich eine dunkle Kuppel aus dem Boden, auf den ersten Blick unscheinbar. Sie trägt den Namen Kala Patthar, was so viel wie “Schwarzer Stein” bedeutet. Der mühsame Pfad nach oben führt über Geröll und lose Gesteinsplatten, bevor auf 5.675 Metern ein unvergleichlicher Ausblick wartet. Ein gewaltiges Panorama spannt sich über die zentralen Gipfel des Mahalangur Himal, dem größten Gebirgsmassiv der Erde und der Heimat des Mount Everest.

Und ich? Bin mittendrin. Am Vormittag des 16. Oktober 2024 befinde ich mich am Fuß des Kala Patthar – in Gorak Shep, 5.200 Meter über dem Meeresspiegel. Von hier aus trete ich die finale Etappe des Everest Base Camp Trek in Nepal an.

Das Yeti Resort empfängt mich. Es ist eine der letzten bewirteten Stationen, bevor es über die Seitenmoräne des Gletschers weiter zum Basislager geht. Ich gehe an einigen Yaks vorbei, die sich von ihrer Traglast erholen. Ihr Mist trocknet auf einem kleinen Mauervorsprung der Lodge. Später am Abend, wenn die Temperaturen unter null Grad sinken, dient der Dung als Brennstoff für den Ofen.

Ich betrete den Speisesaal, bestelle Ingwertee und Nudelsuppe. Neben mir sind ein paar weitere Reisende aus Lobuche eingetroffen, die sich nun körperlich und mental auf den finalen Abschnitt vorbereiten. Dazu gehört auch eine Gruppe einheimischer Bergführer. Ruhig und konzentriert besprechen sie ihre nächsten Schritte, um ihr Trekkingteam sicher an den Fuß des Mount Everest zu bringen. Ich werde Zeuge einer eingespielten Vorbereitung, wie sie hier oben in der Saison fast täglich stattfindet.

Das Volk des Ostens

Erst später erfahre ich, dass unter den Bergführern auch Kami Rita saß. Nie gehört? Das sollten wir ändern. Denn niemand stand häufiger auf dem Mount Everest als der 55-jährige Nepalese aus dem kleinen Dorf Thame. In diesem Jahr – am 28. Mai, um genau zu sein – hat er zum 31. Mal den höchsten Berg der Welt bezwungen und damit seinen eigenen Weltrekord gebrochen. Zum Vergleich: Kurz zuvor hatte der britische Bergsteiger Kenton Cool (51) mit seinem Begleiter Dorji Gyaljen zum 19. Mal den Gipfel erreicht. Damit gilt er als Mensch mit den meisten Everest-Besteigungen, der nicht aus dem Volk der Sherpa stammt.

Pioniere der Sherpa

Kami Rita ist nicht der einzige Bergsteiger aus dem nepalesischen Thame, der es über die Landesgrenzen hinaus zu Berühmtheit gebracht hat. Das Dorf ist die Heimat vieler weiterer Everest-Legenden – darunter auch Tenzing Norgay, der den Großteil seiner Kindheit dort verbracht hat. 1953 ist ihm zusammen mit dem Neuseeländer Edmund Hillary die Erstbesteigung des Mount Everests gelungen. Der historische Gipfelerfolg war das Ergebnis einer eindrucksvollen persönlichen Reise, die Norgays Enkel – Tashi Tenzing – und dessen Frau Judy in dem Buch “Im Schatten des Everest” beschrieben haben. Darin heißt es unter anderem:

“Im Jahr 1953 sollte ein Mann die Welt der Sherpa für immer verändern. Sein Erfolg wandelte das Selbstverständnis seines Volkes und machte den Begriff ‘Sherpa’ auf der ganzen Welt bekannt … Er war ein Schneetiger und sowohl in physischer als auch psychischer Hinsicht aus demselben Holz geschnitzt wie die anderen Tiger der ersten Stunde.”

Am Sagarmatha National Park Visitor Center oberhalb von Namche Bazar befindet sich eine lebensgroße Bronzestatue, die Norgay mit erhobenem Eispickel zeigt. Bei klarem Himmel sind am Horizont hinter ihm der Lhotse und sein Schicksalsberg – der Mount Everest – zu sehen.

Bevor wir den Everest Base Camp Trek von Anfang bis Ende gemeinsam bestreiten, möchte ich den Begriff Sherpa kurz erklären. Denn er wird uns ab hier in den unterschiedlichsten Szenarien immer wieder begegnen.

Sherpa (unter den Einheimischen schawa ausgesprochen) leitet sich aus den tibetischen Worten shar (Osten) und wa oder pa (Volk) ab. Wörtlich übersetzt bedeutet sherpa also Volk aus dem Osten – und bezieht sich damit auf dessen Herkunftsgeschichte. Die Ursprünge der Sherpa werden auf eine Gruppe von Auswanderern zurückgeführt, die um 1500 über den Bergpass Nangpa La in das Hochgebirge des heutigen Solu‑Khumbu kamen. Dort siedelten sie in hochgelegenen Tälern, betrieben Viehzucht, Feldbau und Handel – und bewahrten zugleich ihre buddhistische Kultur und enge Verbindungen zum tibetischen Kulturbereich.

Heute wird der Begriff Sherpa immer wieder missverstanden. Im kommerziellen Trekking, für das Nepal bekannt ist, ist er fast schon zum Synonym für “Helfer in großer Höhe” geworden – selbst wenn die Person gar kein Angehöriger dieser Volksgruppe ist. So schleicht sich allerdings die Gefahr ein, kulturelle Grenzen zu verwischen und die Identität der Sherpa auf ihre reine Funktion im Bergtourismus zu reduzieren. Dabei ist sie weitaus mehr als das: Die Sherpa sind eng mit der Bergwelt des Himalaya verbunden und betrachten sie seit jeher als Wohnstätte der Götter. Auch dem Mount Everest wird diese religiöse Verehrung zuteil, allerdings nicht mehr als vielen anderen Gipfeln dieser Region. Die Höhe eines Berges sowie sein klettertechnischer Schwierigkeitsgrad bedeuten den Sherpa eher wenig. Vermutlich hätte den Everest bis heute niemand bestiegen – wäre er nicht im 19. und 20. Jahrhundert von den Europäern entdeckt und erschlossen worden.

Das abgeschiedene Leben der Sherpa hat sich seitdem spürbar verändert. Die Menschen machen sich die neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten zunutze, indem sie mit ihrer Ortskenntnis durch die Berge führen, in großen Höhen schweres Gepäck transportieren oder Unterkünfte anbieten. Unweigerlich geht das nicht abreißende Interesse aus der ganzen Welt mit bislang unbekannten und ständig neuen Einflüssen einher. Vor dem Hintergrund ist es aus meiner Sicht bemerkenswert, wie tief die Sherpa nach wie vor in ihrer Kultur verwurzelt sind. Auf dem Everest Base Camp Trek konnte ich aus nächster Nähe erleben, wie vielfältig ihre Lebenswelt ist.

Neugierig geworden? Dann kann die Reise ja beginnen.

Hier geht’s lang

Von Kathmandu über Lukla nach Phakding

Von Phakding nach Namche Bazar

In der “Hauptstadt” des Khumbu

Von Namche Bazar nach Tengboche

Von Tengboche nach Dingboche und Chukung

Von Dingboche nach Lobuche

Von Lobuche über Gorak Shep zum Base Camp

Abstieg nach Periche und Rückflug nach Lukla

Der Everest Base Camp Trek

Von Kathmandu über Lukla nach Phakding

Eigentlich sollte meine Nepal-Reise am 7. Oktober 2024 in Kathmandu beginnen. Aufgrund der schweren Überflutungen und Erdrutsche Ende September war meine Zeit in der Hauptstadt aber leider begrenzt. Nach den starken Monsunregenfällen war der Bagmati-Fluss über die Ufer getreten und hatte viele Teile Kathmandus und umliegende Gebiete unter Wasser gesetzt. Schon kurz vor meiner Anreise stand daher fest, dass wichtige Zufahrtswege nach und aus Kathmandu heraus nicht passierbar waren.

Die Planänderung: Raus aus dem Flugzeug, rein in den Bus. Knapp acht Stunden lang geht es über die holprige Alternativroute und schmale Bergstraßen direkt zum Mathali Airport nach Ramechap. Von hier starten in der Hochsaison – März bis Mai und September bis November – nahezu täglich kleine Propellermaschinen nach Lukla (2.860 Meter), um den Flughafen in Kathmandu zu entlasten.

Wer sich über den Ort Lukla informiert, kommt an dessen Image als “gefährlichster Flughafen der Welt” kaum vorbei. Diesen Titel verdankt er seiner abschüssigen Start- und Landebahn, die lediglich 530 Meter lang und von steilen Felswänden umgeben ist. Zugegeben: Das Terrain lässt wenig Spielraum für Fehler. Doch mittlerweile ist streng geregelt, wann die Flugzeuge starten und landen dürfen. Ist die Sicht schlecht, steht der Betrieb still – notfalls auch über mehrere Tage, wie ich später noch feststellen werde.

Ankunft in Lukla

Von der berüchtigten Landebahn in Lukla hast du sicher schon genug Bilder gesehen. Viel lieber möchte ich dir dieses niedliche Kerlchen vorstellen, das ich bei seinem Mittagsschlaf erwischt habe. Auch wenn es im Hochgebirge viele Streuner gibt, wirken die Menschen in der Khumbu-Region sehr achtsam im Umgang mit Tieren. Das liegt vermutlich auch an ihrem Glauben: Nach buddhistischer Lehre sind Tiere keine Gegenstände, sondern fühlende Wesen, die Glück erfahren und Leid vermeiden möchten. Im weitaus bevölkerungsreicheren Kathmandu-Tal mag es sich aber anders verhalten.

Übrigens: 2008 beschloss die nepalesische Regierung, den Flughafen Lukla zu Ehren von Tenzing Norgay und Edmund Hillary als Tenzing-Hillary-Airport zu bezeichnen. Hillary war in diesem Jahr im Alter von 88 Jahren verstorben, Norgay bereits 1986.

Lukla ist neben einigen wenig begangenen Pässen im Hochgebirge der einzige Zugang zur Khumbu-Region. Wäre ich ohne Gepäck angereist, könnte ich mich hier für den weiteren Reiseverlauf wappnen. Der Ort bietet neben Unterkünften eine Reihe von kleinen Läden, in denen man sich mit fehlenden Ausrüstungsteilen versorgen kann. Wer jedoch nicht gerade ohne Hose und Schuhe unterwegs ist, sollte sich noch ein wenig gedulden: In Namche Bazar ist das Angebot größer und die Preise sind weitaus günstiger.

Schon gesehen? Gleich nebenan findest du Tipps zur Vorbereitung und Ausrüstung für dein eigenes Erlebnis auf dem Everest Base Camp Trek. Schau doch mal rein!

Nach einer kurzen Stärkung geht es von Lukla aus sofort weiter – raus aus dem touristischen Trubel, weg von dem Lärm der an- und abfliegenden Maschinen. Auf dem Weg nach Phakding begegne ich zum ersten Mal dem Dudhkoshi-Fluss, der in überwiegend südlicher Richtung durch den Himalaya nach Namche Bazar fließt. Es handelt sich um einen der Nebenflüsse des Sunkoshi – dem Quellfluss der Koshi-Flussfamilie, die letztlich im indischen Ganges aufgeht.

Das nepalesische Wort Dudhkoshi bedeutet wörtlich übersetzt Milchfluss. Der Name spielt auf die milchig-weiße Färbung des Wassers an, die durch die mitgeführten Gesteinsablagerungen aus den Gletschern entsteht. Das Wasser wirkt dadurch trüb und hell, fast wie verdünnte Milch. Besonders bei Sonnenschein ist es überwältigend schön, diesen reißenden Bergfluss aus nächster Nähe zu beobachten.

Phakding mit Blick auf den milchig-weißen Dudhkoshi

Umgeben von üppig bewachsenen Bäumen, unmittelbar am Dudhkoshi, liegt Phakding (2.610 Meter). Mein Aufenthalt dort ist begleitet vom Rauschen des Wassers, was den kleinen, charmanten Ort zu einem meiner Favoriten der Reise macht. Sicher liegt es aber auch an der Tatsache, dass ich nun erstmals – nach einer sehr schlauchenden Anreise – die Möglichkeit habe, wirklich zur Ruhe zu kommen und neue Kraft zu sammeln.

Frei grasendes Pferd auf dem Rimijung Hill: Nach dem lokalen Weidekonzept der Sherpa kehrt das clevere Tier eigenständig ins Dorf zurück.

Die meisten Bewohner in Phakding sind Sherpa, sodass ich hier einen ersten authentischen Eindruck von ihrer Lebensweise gewinnen kann. Rein oberflächlich fällt mir die Gestaltung ihrer Häuser auf, besonders die weiß verputzten Wände mit farbig bemalten Dächern und Holzrahmen. Heute weiß ich, dass die Farben nicht zufällig gewählt sind: Sie spielen eine entscheidende Rolle in den spirituellen Praktiken und der traditionellen Kunst des tibetischen Buddhismus, den die meisten Sherpa praktizieren.

Blau steht für den Himmel und symbolisiert Ruhe und Gelassenheit. In tibetischen Haushalten wird die Farbe daher häufig verwendet, um Frieden und Schutz in die eigenen vier Wände zu bringen. Weiß repräsentiert die Luft und steht für Reinheit, Wissen und Langlebigkeit. Rot – das Feuer – verkörpert Stärke und schützt vor bösen Geistern und negativen Energien. Grün ist mit dem Wasser verbunden und steht für Harmonie und Ausgeglichenheit, während Gelb die Erde symbolisiert und mit ihr Stabilität und Großzügigkeit.

Die fünf Farben werden mir entlang des Everest Base Camp Trek noch häufig begegnen. Denn typisch für diesen Teil des Himalaya sind die zahllosen bunten Gebetsflaggen, die das Hochgebirge schmücken. Die Sherpa verfolgen damit jedoch keine rein dekorativen Absichten. Sie setzen die Flaggen bis zur vollständigen Verwitterung dem Wind aus, damit ihre Gebete auf diese Weise dem Himmel zugetragen werden.

Glücklicherweise war der knapp vierstündige Weg von Lukla nach Phakding ein sanfter Einstieg in den Everest Base Camp Trek. Eine erholsame Nacht später breche ich nämlich zu meiner ersten Akklimatisierungstour auf den Rimijung Hill (3.600 Meter) auf, die deutlich anstrengender werden sollte. Knapp 1.000 Höhenmeter lege ich zurück, bevor ich mit fantastischen Blicken auf den Thamserku (6.623 Meter) und Kusum Kanguru (6.367 Meter) belohnt werde. Oben angekommen, galoppieren plötzlich zwei Pferde an mir vorbei - völlig ausgelassen bewegen sie sich auf einem gigantischen Areal. Ich frage mich, ob hier oben etwa Wildpferde leben. Oder handelt es sich um ausgerissene Herdentiere? Nichts dergleichen, sagt einer der einheimischen Guides. Stattdessen erklärt er mir das ans Hochgebirge angepasste Viehwirtschaftssystem der Sherpa. Demnach dürfen Tiere wie Yaks, Mulis oder Pferde phasenweise frei auf dem umliegenden Weiden grasen. Im Frühling treiben die Sherpa ihr Vieh in höher gelegene Regionen, bevor die ortserfahrenen Tiere im Winter teils eigenständig ins Dorf zurückkehren. Die Vegetation auf den wertvollen Sommerweiden kann sich daraufhin erholen.

Welche Fläche wann betreten werden darf, bestimmen die jeweiligen Dorfgemeinschaften gemeinsam. Das System zeigt also, wie die Sherpa ihr empfindliches Land seit Generationen eigenverantwortlich regulieren. Ein Paradebeispiel für indigenes Umweltmanagement.

Von Phakding nach Namche Bazar

Zurück auf den Everest Base Camp Trek: Mittlerweile habe ich eine zweite Nacht in Phakding verbracht und trenne mich am Morgen von diesem malerisch schönen Ort. Der Dudhkoshi begleitet mich weiter auf meinem Weg in die Sherpa-Hauptstadt Namche Bazar – allerdings ändert sich meine Perspektive darauf. Knapp 900 Höhenmeter und zahlreiche Treppenstufen später werde ich erstmals von weiter oben auf den schäumenden Fluss blicken.

Doch vorher passiere ich zwischen Manjo und Jorsalle das Tor zum Sagarmatha National Park. Spätestens hier lernen wir den Mount Everest aus einem anderen Blickwinkel kennen. Denn Sagarmatha ist der nepalesische Name für den weltberühmten Berg und bedeutet übersetzt so viel wie “Stirn des Himmels”. Die Tibeter verwenden den noch sakraleren Begriff Chomolungma und verleihen dem Höhenriesen damit den erhabenen Titel “Göttliche Mutter des Universums”. Der uns geläufige und weitaus weniger symbolträchtige Name “Everest” hat seine Ursprünge indes in der britischen Kolonialgeschichte. Schau gerne auf meinem Instagram-Kanal vorbei – dort erfährst du mehr über die Hintergründe.

Die Faszination für den Everest ist am Eingang des Nationalparks unübersehbar: Massen an Touristen tummeln sich an den Informationszentren, um die letzten Formalitäten für den Everest Base Camp Trek abzuhaken. Der Eintritt in den Park kostet 3.000 Nepalesische Rupien (rund 20 Euro) und erfordert eine Passkopie sowie ein Passbild. Wer eine geführte Reise gebucht hat, muss sich vor Ort üblicherweise um nichts kümmern.

Alles geregelt, betrete ich geschütztes Gebiet: Seit 1979 gehört der Sagarmatha Nationalpark zum UNESCO-Welterbe. Auf seiner rund 1.150 Quadratkilometer großen Fläche entfaltet sich eine bemerkenswerte Vielfalt an Planzen- und Tierarten, die sich den Höhen des Himalaya angepasst haben. In den tieferen Lagen wachsen dichte Wälder aus Kiefern und Tannen, etwas höher leuchten im Frühjahr und Sommer die Rhododendren und Magnolien in kräftigen Farben. Auf den Berghängen lassen sich Himalaya-Tahre beobachten, die sich trotz ihrer kräftigen Staturen federleicht auf den Felsen bewegen. Und irgendwo, verborgen in der Weite des Hochgebirges, könnte der geheimnisvolle Schneeleopard seine leisen Spuren hinterlassen.

Ein Himalaya-Thar wacht über einem Felsvorsprung im Sagarmatha Nationalpark.

Bis auf einige Thare bleiben mir die meisten Tierarten leider verborgen. Meine Aufmerksamkeit richtet sich also voll und ganz auf die Naturkulisse um mich herum sowie die teils spektakulär angelegten Wege auf dieser Etappe. Zu letzteren gehört auch die Überquerung der berühmten Hillary Bridge, die das Dudhkoshi-Tal überragt. Sie ist stolze 60 Meter lang und hängt knapp 135 Meter über dem Flussbett – und ist damit eine der gewaltigsten Hängeseilbrücken im Himalaya. Benannt nach dem Erstbesteiger des Mount Everest ist sie zugleich ein Symbol für den Eintritt ins Hochgebirge. Ich freue mich also, den Gipfeln um mich herum nun ein Stück näher zu kommen.

Zugegeben: Trotz der vielfältigen Landschaft fühle mich etwas entzaubert. Wie schon am Eingang des Nationalparks ziehen jetzt ganze Kolonnen an Tourist:innen über den Everest Base Camp Trek nach Namche Bazar. Kurz verblasst meine wohl etwas naive Vorstellung des einsamen Bergpfades, den ich allein mit der ruhigen, abgelegenen Natur teile. Sollte der Trek ab hier zum Selfie-Hotspot werden? Ich nutze die Zeit im Gedränge, um kurz nachzudenken. Schließlich bin auch ich Teil dieser wachsenden Schar von Reisenden, die vom Everest angezogen werden. Noch im selben Moment erkenne ich die neuen Möglichkeiten, die die Einnahmen den Menschen in der Region ermöglichen – und wünsche mir, dass ihnen der Balanceakt gelingt zwischen dem Streben nach Fortschritt und dem Bedürfnis, ihr kulturelles Erbe zu bewahren. Und auch, dass wir heute und künftig achtsam mit dem Privileg umgehen, diese einzigartige Kultur und Landschaft überhaupt erleben zu dürfen.

In der "Hauptstadt" des Khumbu

Das Zusammenspiel von Tradition und Moderne wird nirgendwo in der Khumbu-Region deutlicher als im Ort Namche Bazar, den ich nach Querung der Hillary Bridge erreiche. Grund genug, einen kurzen Blick auf dessen Entwicklung und Bedeutung zu werfen.

Ursprünglich war Namche ein kleiner Marktplatz, an den sich nur wenige Lehm- und Steinhäuser schmiegten. Hier kreuzten sich die Wege von Sherpa, tibetischen Händlern und Bauern aus den umliegenden Tälern. Zwar war der Ort damit schon früh ein Knotenpunkt des regionalen Handels. Doch seine Bedeutung blieb bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein eher lokal und überschaubar.

Seit den 1970er-Jahren – mit der Öffnung des Khumbu-Gebiets für Trekkingtourist:innen – veränderte sich das Ortsbild rasant. Gästehäuser, Läden, Bäckereien, Internetcafés und Outdoor-Geschäfte siedelten sich an. Hinzu kamen Schulen, medizinische Einrichtungen und Kommunikationsmittel. Aus der ruhigen Handelsstation wurde eine belebte “Hauptstadt” des Khumbu. Namche entwickelte sich zum Inbegriff des modernen Sherpa-Lebens: ein Dorf in den Bergen, das gleichzeitig global vernetzt ist.

Anders als auf den Wanderwegen genieße ich das bunte Treiben in Namche. Der Ort ist nicht groß, dafür aber voller Eindrücke. Gleich am Eingang rauscht ein kleiner Bach durch eine Reihe von Gebetsmühlen und bringt sie damit ständig in Bewegung. Nach buddhistischem Glauben werden dadurch spirituelle Kräfte aktiviert, die über in die Mühlen gravierte Gebetssprüche (Mantras) beschworen werden. Das in Nepal am häufigsten verwendete Mantra lautet “Om mani padme hum”. Unter anderem soll es dabei helfen, Mitgefühl und Liebe für sich selbst und andere zu entwickeln.  

Passend dazu beobachte ich kurz darauf einige einheimische Kinder und Touristen, wie sie ein gemeinsames Volleyball-Match bestreiten. Der Platz ist denkbar schlicht, die Stimmung hingegen spürbar gelöst. Manchmal braucht es eben nur einen Ball und offene Menschen, um ein paar schöne Momente entstehen zu lassen. Hätten meine Oberschenkel nach dem kürzlichen Anstieg nicht so gezwickt, hätte ich mich gerne für ein, zwei Aufschläge angeschlossen.

Mich zieht es an diesem Tag also in den Ortskern, wo mich neben zahlreichen kleinen Ausrüstungsläden auch Cafés und Restaurants erwarten. Ich entscheide mich für ein Stück Karottenkuchen und einen starken Kaffee. Leicht zurückgezogen in eine gemütliche Ecke der Sherpa Barista Bakery (Must-Visit!) lasse ich meine bisherige Reise Revue passieren. Ich realisiere erstmals richtig, wo ich mich befinde und dass dies der Ort ist, von dem ich so oft geträumt und mit Vorfreude erzählt habe. Stolz und motiviert, bin ich gespannt auf die nächsten Etappen, die mich tiefer ins Hochgebirge und zu weiteren wunderschönen und noch abgelegeneren Orten führen werden.

In der Khumbu Lodge

In Namche verbringe ich zwei Nächte in der Khumbu Lodge, in der bereits Berühmtheiten wie Heinrich Harrer und Jon Krakauer einkehrten. Der passionierte Bergsteiger und Abenteurer Harrer (rechte Bildseite, oben) ist vor allem für seine beeindruckende Biografie “Sieben Jahre in Tibet” bekannt. Darin schildert er seine außergewöhnliche Freundschaft zum Dalai Lama, dem geistlichen Oberhaupt des tibetischen Buddhismus. Krakauer (linke Bildmitte, mit Mütze) hat als Journalist an der Everest-Expedition im Mai 1996 teilgenommen, die durch ihren katastrophalen Verlauf traurige Berühmtheit erlangte. Bei dem Versuch, den Gipfel zu erreichen, wurden seinerzeit über 30 Bergsteiger:innen von einem plötzlichen Wetterumschwung überrascht. An einem einzigen Tag verloren acht Menschen, darunter erfahrene Expeditionsleiter, ihr Leben – ein verheerendes Unglück, das insbesondere die Vorgehensweisen von kommerziell tätigen Organisationen am Mount Everest infrage stellte. Seine persönlichen Erfahrungen hat Krakauer in dem empfehlenswerten Buch “In eisigen Höhen” festgehalten.

Mein zweitägiger Aufenthalt in Namche hat auch einen funktionalen Grund: Akklimatisierung. Am nächsten Tag steht daher eine Tour zum höchstgelegenen Hotel der Welt an, dem “Everest View”. Um ehrlich zu sein, ist das Ziel wenig spektakulär – eine unscheinbare, im Inneren aber recht luxuriöse Lodge mit eigenem Helikopter-Landeplatz. Sie beherbergt vor allem wohlhabende Tourist:innen, die einen Blick auf den Mount Everest erhaschen möchten, ohne dafür den Anstieg auf 3.900 Meter Höhe wagen zu müssen.

Für mich ist das eigentliche Highlight der Weg zum Hotel, der über eine weite, grasbewachsene Lichtung führt. An deren Horizont ragt die formschöne Ama Dablam (6.814 Meter) empor, in die ich mich umgehend vergucke. Nie zuvor habe ich einen spektakuläreren Gipfel gesehen, bei dem – entgegen meiner Erwartung – auch der Mount Everest nicht würde mithalten können. Die langen Grate auf beiden Seiten erinnern an die ausgebreiteten Arme einer Mutter (nepalesisch: Ama), die ihr Kind beschützt. Und der markant hängende Gletscher erweckt den Eindruck einer Halskette (nepalesisch: Dablam). Frei übersetzt bedeutet Ama Dablam also “Schützende Mutter mit Halskette”, die symbolisch sowohl Stärke als auch Schönheit und Anmut verkörpert.

Die Ama Dablam breitet seine Arme aus: Für die Nepalesen verkörpert der Berg eine “schützende Mutter mit Halskette”, wie die deutsche Übersetzung offenbart. Das Schmuckstück ist in diesem Fall der markante Gletscher.

Im Vordergrund ist eine traditionelle Stupa zu sehen ein Sakralbau für Buddha und seine Lehren.

Die faszinierenden Ausblicke auf die Ama Dablam begleiten mich zurück nach Namche Bazar, wo ich beseelt und mit reichlich Essen den restlichen Tag verbringe. Tatsächlich ist das kulinarische Angebot hier noch recht abwechslungsreich, was angesichts der Lage des Ortes keine Selbstverständlichkeit ist. Der Transport von Lebensmitteln in der Region erfolgt hauptsächlich mit Yaks, Maultieren oder menschlichen Trägern – und da kann es schonmal dauern, bis eine Lieferung ihr Ziel erreicht. Wer nicht auf Fleisch verzichten möchte, ist kurz darauf hingewiesen, dass dieser Umstand auch direkte Auswirkungen auf die Kühlkette haben kann. Niemand kann garantieren, dass alles frisch oben ankommt.

Ich begnüge mich mit einer Portion Dal Bhat, einer lokalen Speise, die traditionell aus Reis, Linsensuppe und eingelegtem Gemüse besteht. Nebenbei gibt es ein paar zusätzliche Kalorien, in diesem Fall in Form von Momos. Dabei handelt es sich um gefüllte Teigtaschen, die von den Nepalesen seit Jahrhunderten gegessen werden. Am ehesten vergleichbar sind sie mit japanischen Gyoza oder den uns bekannten schwäbischen Maultaschen. Ziemlich mächtig also. Allerdings ist der Kalorienverbrauch auf einer solchen Trekkingtour unter Höhenbelastung enorm und muss – auch um Krankheiten vorzubeugen – unbedingt über das Essen ausgeglichen werden. Der Schwerfälligkeit nach zu urteilen, mit der ich später ins Bett falle, ist mir das an diesem Abend auf jeden Fall gelungen.

Von Namche Bazar nach Tengboche

Nachdem ich Dal und Momos zu Energie verarbeitet habe, stehe ich schon in den frühen Morgenstunden vor den bepackten Yaks. Ebenso mein Guide, dessen Beschreibung der nächsten Etappe des Everest Base Camp Trek ich nun aufmerksam verfolge. Es geht nach Sanasa und von dort aus über Lawi Shyasa abwärts zum Flussufer nach Phungi Tenga. Dort quere ich den Dudhkoshi, bevor der Weg wieder steil ansteigt und mich schließlich durch einen üppigen Tannen- und Birkenwald nach Tengboche (3.860 Meter) führt.

Der Eingang zum Kloster in Tengboche: Das Detailreichtum ist bemerkenswert und zieht sich durch die gesamte Architektur.

Bei Ankunft in Tengboche ist der Ort in einen so dichten Nebel gehüllt, dass ich nur wenige Meter in die Ferne blicken kann. Einen Eindruck von der mich umgebenden Landschaft musste ich mir also am nächsten Tag machen – was mir glücklicherweise auch gelingen sollte.

Das Wetter gibt mir die Gelegenheit, das Wahrzeichen des Ortes genauer zu erkunden: Die Dawa Choling Gompa. Das bekannte Kloster in Tengboche blickt auf eine reiche Geschichte zurück. 1916 von Lama Gulu erbaut, ist es für die Sherpa seit gut einem Jahrhundert ein wichtiger Ort für die buddhistische Bildung und Praxis. Lokalen Erzählungen zufolge hatte Guru Ringpoche, der Begründer des tibetischen Buddhismus, zu Lebzeiten die Entstehung eines solchen spirituellen Zentrums vorhergesagt. Die Menschen glaubten daher, dass der Ort, an dem die Gompa heute steht, vom Guru persönlich gesegnet wurde.

Im Laufe der Jahre ereilten die Dawa Choling Gompa viele Schicksalsschläge. 1934 wurde das Gebäude durch ein Erdbeben zerstört und anschließend von der örtlichen Sherpa-Gemeinde eigenständig wieder aufgebaut. Verursacht durch einen Funkenschlag brannte das Gebäude im Jahr 1989 bis auf die Grundmauern nieder. Und erneut stellten sich die Menschen vor Ort der Herausforderung, das Kloster neu zu errichten – seinerzeit mit Unterstützung des Fonds von Edmund Hillary und zahlreicher internationaler Vereine. So geschah es auch nach den schweren Erdbeben, die Nepal im Jahr 2015 erschüttert hatten. Den Gedanken an eine schützende Hand des Gurus über dem Kloster finde ich daher durchaus passend.

Wenig überraschend: Es ist nicht gestattet, im Inneren des Klosters zu fotografieren. Bei meinem Besuch der Gompa konzentriere ich mich also darauf, möglichst viele Eindrücke zu speichern, um sie später in meinen Notizen festzuhalten und in diesem Beitrag wieder loszulassen. Treten wir also ein…

Nachdem ich den markanten Torbogen passiert habe, steuere ich über einen kleinen Hof direkt auf das wichtigste Gebäude des Klosters zu: die Hauptgebetshalle - genannt Dukhang. Der Eingang wird von Statuen schützender Gottheiten bewacht, und die Türen sind mit diversen Ornamenten und Schnitzereien verziert. Es würde wohl mehrere Tage dauern, jedes einzelne Detail samt Bedeutung zu erfassen – kaum vorstellbar, wie viel Mühe und Entschlossenheit die Restaurierungsarbeiten erfordert haben müssen.

In ihrer Dukhang setzen die Mönche natürlich einen respektvollen Umgang voraus, weshalb ich mich vor dem Eintritt von meinen schmutzigen Trekkingstiefeln trenne. Im Inneren angekommen, leuchtet mir eine enorme Farbenvielfalt entgegen. Die Wände sind vollständig mit bunten Malereien und religiösen Schriften (Sutras) bedeckt, die vom Leben Buddhas und anderen wichtigen Persönlichkeiten der buddhistischen Geschichte erzählen. Im Zentrum befindet sich ein Altar mit einer großen, goldenen Statue des Shakyamuni – dem historischen Buddha. Die Mönche selbst sitzen etwas erhöht in der Mitte des Raumes, in dicke rote Mäntel gehüllt. Während der Zeremonie sagen sie verschiedene Verse auf und untermalen ihre Gebete in regelmäßigen Abständen mit lauten Instrumenten wie Hörnern, Trommeln oder Becken.

Beeindruckt und nach knapp 60 Minuten auch etwas schläfrig, verlasse ich die Dukhang auf eine spezielle Weise: Nach der Zeremonie laufe ich mit den anderen Besucher:innen im Uhrzeigersinn durch den Saal. Was mir im ersten Moment ungewöhnlich vorkommt, ist in den Klöstern und Tempeln des tibetisch-buddhistischen Himalaya gängige Meditationspraxis. Sie nennt sich Kora und wird durchgeführt, indem eine heilige Stätte wie der Altar im Kloster umrundet wird. Bei der Bewegung sollen negatives Karma bereinigt und ein tieferes Verständnis in das Dharma – die Lehren des Buddha – erlangt werden.

Blick auf die Gebetshalle der Dawa Choling Gompa - dem berühmten Kloster von Tengboche.

Am nächsten Morgen begrüßt mich die Sonne, die sich am Tag zuvor noch hinter dem dichten Nebel versteckt hat. Gegen 6 Uhr in der Früh ist der Himmel größtenteils klar. Nur wenige Schleierwolken bewegen sich durch das satte Blau, vor dem sich nun die kantigen, gletscherweißen Bergkolosse abzeichnen. Ich hatte sehr gehofft, diese Aussicht während meiner Zeit in Tengboche genießen zu können. Daher schnappe ich mir noch vor dem Frühstück die Kamera und mache mich auf die Suche nach dem Mount Everest, dessen Gipfel von hier aus gut zu erkennen sein soll. Und tatsächlich: Als hätte er mich erwartet, öffnet sich genau in dem Augenblick, in dem ich das Objektiv schärfe, zum ersten Mal der Wolkenvorhang: Das war er also, der berühmte Sagarmatha.

Kolossales Trio: Der Mount Everest (8.848 Meter) erhebt sich hinter dem Ostgrat des Nuptse (7.815 Meter). Rechts im Bild ist der Gipfel des Lhotse (8.516 Meter) zu sehen, dem vierthöchsten Berg der Erde.

Von Tengboche nach Dingboche und Chukung

Dass sich die Landschaft um mich herum verändert, habe ich schon auf dem Weg nach Tengboche wahrgenommen: Je höher ich steige, desto karger wird die Vegetation. Auf meiner nächsten Etappe lasse ich die Baumgrenze vollständig hinter mir – und finde mich stattdessen inmitten einer weiten Tundra mit niedrigen, trockenen Sträuchern, Gräsern und Moosen wieder. Mein erstes Ziel für heute: das alte Sherpa-Dorf Pangboche.

Kurioserweise war das Kloster des Ortes Pangboche lange Zeit dafür bekannt, die mumifizierte Hand und den Skalp eines Yetis auszustellen. Ja genau, Körperteile des legendären Schneemenschen, der angeblich in den Höhen des Himalaya lebt. Von uns häufig belächelt, ist das Fabelwesen – halb Bär, halb Mensch – tatsächlich ein wichtiger Teil der tibetischen und nepalesischen Folklore. Für die Mönche in Pangboche galten Hand und Skalp des Yetis lange Zeit als heiliges Relikt, das gegen eine kleine Spende auch besichtigt werden konnte. Doch dann kam, was kommen musste: Faszinierte Pseudowissenschaftler reisten in den 1950er-Jahren nach Pangboche, um sich ein Bild von den Hinterlassenschaften des Schneemenschen zu machen. Und ganz nebenbei verschwand erst ein Finger und Jahre später auch der Rest.

Der Imja Khola windet sich glasklar durch das Tal um Dingboche.

Weitaus ausführlicher beschrieben, was damals in Pangboche geschehen sein soll, hat Dana Yates von Trafficking Culture. Und umso häufiger ich die Geschichte lese, desto eher kann ich den Yeti verstehen. Sollte er wirklich in den fernen Weiten des Himalaya umherwandern? Dann jedenfalls kann man nur seinen gesunden Verstand bewundern, der ihn veranlasst, sich von den vielen Eigenarten der Menschen fernzuhalten.

Ich lasse Pangboche und den Yeti noch am selben Tag hinter mir, um weiter durch das Flusstal des Imja Khola nach Dingboche (4.340 Meter) aufzusteigen. Auf dem Weg hierher begegnen mir auf schier endlosen Weiden zahlreiche Yaks, die sich an den immer noch sattgrünen Büschen und Gräsern laben. Zu dem Zeitpunkt ist mir noch nicht klar, dass das Wort Yak nur auf die reinrassige, männliche Form der zotteligen Tiere zutrifft. Die weiblichen Tiere werden von den Sherpas Nak genannt.

Dann wird es kompliziert: Yaks und Naks werden nämlich mit lokalen Kühen oder Bullen (Lang) gekreuzt. Dabei entstehen zwei Mischformen: Die weiblichen heißen Dzomo und sind für ihre fettreiche Milch bekannt, aus der die Sherpas Käse und Butter herstellen. Die männlichen Nachkommen nennt man Dzopkyo. Sie sind zwar unfruchtbar, dafür aber vergleichsweise zahm und ziemlich stark. Wochenlang können die Tiere schwere Lasten über lange Distanzen und steiles Terrain transportieren. Die meisten "Yaks", die mir auf dem Everest Base Camp Trek begegnen, sind also eigentlich Dzopkyos.

Neben der Viehwirtschaft ist der Anbau von Feldfrüchten – überwiegend Kartoffeln – eine wichtige Lebensgrundlage der Sherpas. Insbesondere in der Region um Pangboche und Dingboche entdecke ich immer wieder einige mit Steinmauern umringte Ackerflächen. Mittlerweile ist Mitte Oktober und die Erde ist größtenteils frisch umgegraben. Vermutlich hat die Ernte auf den meisten Feldern bereits stattgefunden.

Bei Dingboche handelt es sich um das letzte Dorf in Nepal, das von Sherpas dauerhaft bewohnt wird. Grund genug also, hier einen Zwischenstopp zur Akklimatisierung einzulegen. Allmählich wird die Luft spürbar dünner, was sich auch auf meinen Schlaf auswirkt. Immer häufiger wache ich in der Nacht kurzatmig auf und habe leichte Probleme, wieder einzuschlafen. Natürlich sind auch die Wände hellhöriger als ich es aus heimischen Gefilden gewohnt bin. Doch auf die Einrichtung der Unterkünfte möchte ich hier nicht ausführlich eingehen. Dass ich jenseits der 4.000-Höhenmeter-Marke mit eiskalten Nächten, einfachen Toiletten und hustenden Nachbarn rechnen musste, war mir im Vorfeld bewusst und sollte in gewisser Weise ja auch Teil der Erfahrung sein. Wie ich damit umgegangen bin und welche Ausrüstung mich begleitet hat, kannst du hier nachlesen.

Mit zumindest ein klein wenig Erholung starte ich also immer in den Tag. So auch an diesem sonnigen Morgen in Dingboche, an dem ich meine Höhentoleranz weiter verbessern möchte. Für eine Tagestour verlasse ich das Dorf in östlicher Richtung und folge einem sanften Anstieg durch die weite, offene Talebene am Fuß der gewaltigen Lhotse-Südwand. Schon nach knapp zwei Stunden erreiche ich den Ort Chukung (4.730 Meter), der unter anderem Ausgangspunkt für die Besteigung des Imja Tse (6.189 Meter) ist, der wie eine Insel aus der ich umgebenden Landschaft heraussticht. Umgangssprachlich wird er deshalb auch Island Peak genannt.

Von Dingboche nach Lobuche

Seit sieben Tagen bin ich nun auf dem Everest Base Camp Trek unterwegs. Damit warten noch zwei weitere Etappen auf mich, bevor ich das Basislager erreiche. Nach der Akklimatisierungstour nach Chukung und einer weiteren Nacht in Dingboche breche ich nach Lobuche (4.940 Meter) auf. Etwa auf halber Strecke passiere ich eine kleine Lodge-Siedlung namens Dhukla, hinter der sich ein sowohl eindrucksvoller als auch tragischer Bergpass verbirgt. Als ich mich über einen steilen, mühsamen Anstieg annähere, schlägt das Wetter um und dichte Nebelschwaden legen sich über die Anhöhe. Ich staune nicht schlecht, als plötzlich inmitten dieser mystischen Atmosphäre eine Art Friedhof erscheint. Unzählige, kleine Steinbauten gedenken hier der zahlreichen Bergsteiger:innen, die bei dem Versuch, die umliegenden Gipfel zu erklimmen, tödlich verunglückt sind.

Ich finde es sehr bewegend, diese vielen symbolischen Mahnmale um mich herum zu sehen. Auch, wenn es auf den ersten Blick so scheint: Als Friedhof kann man diesen Ort – das Everest Memorial – wohl kaum bezeichnen, denn Leichen liegen hier aus religiösen und praktischen Gründen keine begraben. Die meisten Todesfälle tragen sich oberhalb von 8.000 Metern zu – in der sogenannten Todeszone, wo der Sauerstoff so knapp ist, dass jede Bewegung lebensgefährlich wird. Bergungsteams wären also extremen Risiken ausgesetzt, oft schlimmer als bei einer Besteigung selbst. Daneben ist in der buddhistischen Tradition die Ansicht verankert, dass der Tod in den Bergen ein Teil des natürlichen Kreislaufs ist.

Während Namche und selbst Tengboche noch voller Reize steckten, verhält es sich in Lobuche (4.940 Meter) weitaus weniger lebendig. Kein Wunder, schließlich stehe ich nun auf einer steinernen Alm, die nicht mehr beheimatet als eine Handvoll Übernachtungsmöglichkeiten, die sich mangels Infrastruktur auf das Nötigste reduziert haben. Das macht den Ort aber nicht weniger eindrucksvoll: Unter anderem der spektakuläre, da pyramidenförmige Pumori (7.165 Meter) wacht über der Siedlung. Passend dazu befindet sich hier zudem das Pyramid International Laboratory – ein Forschungszentrum, das unter anderem die Auswirkungen von höhenbedingtem Sauerstoffmangel (Hypoxie) auf den Blutkreislauf untersucht. Das Labor erfasst auch meteorologische Daten und beleuchtet das südasiatische Monsunklima der Region.

In der Nacht rutschen die Temperaturen in den Minusbereich – fehlende Isolation und dünne Wände sorgen dafür, dass Schlafen zur kleinen Belastungsprobe wird. Ein Glück, dass ich in der Duffelbag ausreichend Platz für meinen dicken Winterschlafsack geschaffen habe. In niedrigen Lagen noch überflüssig, bewährt er sich jetzt und sorgt dafür, dass ich nicht frieren muss. Trotzdem spüre ich einen deutlichen Leistungsabfall am nächsten Morgen, den ich auf mittlerweile häufig unterbrochenen und daher kaum erholsamen Schlaf zurückführe. Tatsächlich ist dies ein verbreitetes Phänomen. In großer Höhe fällt das Schlafen oft schwerer, weil die Luft dort weniger Sauerstoff enthält. Der Körper versucht, diesen Mangel auszugleichen, indem er die Atmung beschleunigt. Dadurch sinkt jedoch der Kohlendioxidgehalt im Blut, was die Atemregulation aus dem Gleichgewicht bringt: Mal atmet man zu schnell, dann wieder zu wenig oder gar nicht für ein paar Sekunden. Aber gut, einen Wellness-Urlaub hatte ich auch nicht geplant.

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Es ist übrigens kein Geheimnis, dass sich Sherpa nicht mit höhenbedingten Schlafproblemen herumschlagen müssen. Schließlich leben sie im Hochgebirge und haben sich über Jahrhunderte an diesen Lebensraum angepasst. Diversen Untersuchungen zufolge atmen Hochgebirgsvölker größere Luftmengen pro Minute und verfügen über eine etwas erhöhte Konzentration von Hämoglobin, das für den Sauerstofftransport im Blut zuständig ist. Ihre Muskeln sind darüber hinaus besonders gut mit feinen Blutgefäßen versorgt, sodass der Sauerstoff bei Anstrengung schneller und effizienter in die Zellen gelangt. Wir Flachländer hingegen neigen zur Hyperventilation, die auch mich – glücklicherweise in geringem Ausmaß – im Schlaf ereilt hat. Zwar unbedenklich, aber unangenehm. Welche einfachen Tipps du befolgen kannst, um der Höhenkrankheit vorzubeugen, liest du übrigens hier.

Von Lobuche über Gorak Shep zum Base Camp

Mittlerweile ist der 16. Oktober – leicht zerknittert, aber voller Tatendrang finde ich mich auf der finalen Etappe des Everest Base Camp Treks wieder. Auch heute ist mir ein sonniger, klarer Morgen vergönnt. Schade nur, dass dies nicht mehr allzu lang so bleiben sollte. Doch dazu später.

Es geht also nach Gorak Shep (5.164 Meter), dem letzten Außenposten der Tour, und von dort aus weiter zum Basislager. Dieser letzte Abschnitt führt mich entlang des gewaltigen Khumbu-Gletschers. Über knapp 18 Kilometer legt sich dieser eisige Teppich über die Berglandschaft und erreicht dabei eine Höhe von fast 8.000 Metern. Das macht ihn zum längsten Gletscher Nepals und dem höchsten der Welt.

Während ich mich vor einigen Tagen noch am Dudhkosi sonnte, befinde ich mich nun an dessen Ursprung: Das Schmelzwasser des Khumbu-Eises speist die meisten Bachläufe, die später in dem Fluss münden. Es wäre naiv zu glauben, dass dies nicht auch mit Gefahren für Mensch und Natur einhergeht - schließlich ist der Klimawandel auch im Himalaya spürbar. Das noch relativ dichte Eis im Hochgebirge nimmt Langzeitstudien zufolge zwar langsam, aber stetig ab. Der Khumbu-Gletscher wird dadurch immer instabiler, sodass unter anderem Eislawinen zu einer unberechenbaren Bedrohung für das Leben am Berg werden. Zudem formt das Schmelzwasser zahlreiche Seen, die bei Bruch natürlicher Barrieren als Sturzflut ins Tal niedergehen. Erst 2024 verwandelte eine solche Flut das einst grüne Dorf Thame – die Heimat unseres Helden Tenzing Norgay – in eine trostlose Wüste aus Dreck und Schlamm.

Forschen, erklären, handeln

Die Cryosphere Society of Nepal (CSN) ist eine gemeinnützige Organisation aus Kathmandu, die sich ausgiebig mit der sogenannten Kryosphäre beschäftigt. Dabei handelt es sich um einen wichtigen Bestandteil des Klimasystems, der alle gefrorenen Formen von Wasser auf der Erde umfasst.

Seit Gründung der CSN im Jahr 2023 verbinden die beteiligten Forscher:innen wissenschaftliche Untersuchungen sowie Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit, um zu zeigen, wie der Klimawandel den nepalesischen Himalaya verändert. Sie messen Schnee, Gletscher und Permafrost, organisieren Workshops für Gemeinden und arbeiten mit den Menschen im Hochgebirge zusammen, um Wege zu finden, besser mit den Veränderungen umzugehen. Mehr Infos gibt es auf der Website der CSN.

Das Bild zeigt den Khumbu-Gletscher mit seinen spitzen Eisformationen. Von weiter oben schiebt sich der berühmt-berüchtigte Khumbu-Eisfall ins Tal.

Für die Sherpa sind solche Katastrophen eine schmerzliche Erinnerung an die Auswirkungen der Erderwärmung. Dabei habe ich bis zuletzt den Eindruck, dass dieses Bergvolk weitestgehend im Einklang mit der Natur lebt. Obwohl die Menschen hier nichts zu den steigenden Temperaturen beitragen, treffen sie deren verheerenden Folgen am härtesten.

Und doch stehe ich nun hier in Gorak Shep am Khumbu-Gletscher. Ausgerechnet ich, der aus einem Land kommt, das zu den größten Verursachern der Klimakrise zählt. Ich bin tausende Kilometer gereist, um das Schmelzen des Eises mit eigenen Augen zu sehen. Ist das vielleicht der Widerspruch meiner Generation? Wir wollen verstehen, bewahren, dokumentieren – und verbrauchen dabei Ressourcen, die das alles erst gefährden. Mich trifft nicht nur die kräftezehrende Höhe, sondern auch meine Doppelmoral wie ein Schlag.

Die Realität reißt mich raus aus meinen Gedanken und zwingt mich, den Fokus wieder auf den Trek zu legen. Aufgrund der Höhe, Anstrengung und Müdigkeit laufe ich nicht mehr so konzentriert wie noch zu Beginn der Reise. Doch gerade auf den schmalen Bergpässen, die von losen Felsen und steilen Abhängen flankiert werden, kommt es auf einen wachen Geist an. Ich beschließe daher, die Überlegungen zu meinem ökologischen Fußabdruck auf der Heimreise weiterzuführen.

Das Basislager erreiche ich etwa drei Stunden, nachdem ich Gorak Shep passiert habe. Zwar lege ich in dieser Zeit nur drei Kilometer zurück. Mein Körper arbeitet mittlerweile jedoch spürbar intensiv daran, die Muskeln mit Sauerstoff zu versorgen. Diese letzte Etappe fühlt sich daher wie ein ganzer Tagesmarsch an. Entsprechend erleichtert bin ich, als sich endlich das steinerne Plateau des Everest Base Camps (5.364 Meter) vor mir ausbreitet.

Wer eine bunte Zeltlandschaft und reges Expeditionstreiben erleben möchte, sollte den Trek im Frühjahr absolvieren. Im späten Oktober ist es zu kalt, um den Mount Everest zu besteigen. Jetzt weist lediglich ein beschrifteter Felsen und ein halb zusammengefallenes Schild darauf hin, dass ich am Fuße des höchsten Berges der Welt angekommen bin. Enttäuschend? Ganz und gar nicht. Die vielen neuen Geschichten, Bilder und Erlebnisse, die ich im Himalaya gesammelt habe, sprengen jede Erwartung. Die 130 Kilometer durch diese traumhafte Region haben mich einer Kultur und Landschaft nähergebracht, die mich nachhaltig fasziniert.

Am Ende ist deshalb klar: Der Weg selbst war längst schon das Ziel.

Abstieg nach Periche und Rückflug nach Lukla

An mehreren Stellen habe ich darauf aufmerksam gemacht, wie viel Glück ich mit dem Wetter habe. Diese Gunst findet ein jähes Ende, als ich die Rückreise antrete. Nach einer eisigen Nacht in Gorak Shep fällt bereits der Ausblick vom nahegelegenen Kala Patthar ins Wasser, wie mir später einige Mitreisende berichten. Angeblich hatten schwere Wolken den beispiellosen Ausblick auf Everest, Nuptse & Co zu verhindern gewusst. Ich hingegen entscheide mich schon in den frühen Morgenstunden dazu, die knapp 1.000 Meter nach Pheriche (4.317 Meter) abzusteigen, um meinen Körper schnellstmöglich zu entlasten.

Dort angekommen, warte ich nun also auf den Helikopter, der mich zurück nach Lukla bringen soll. Und warte… zwei Tage lang. Der Grund für diese unverhoffte Geduldsübung ist rein pragmatisch: Bei schlechter Sicht wird der gesamte Flugverkehr im Hochgebirge kompromisslos eingestellt. Der Anflug auf Lukla ist sonst einfach zu gefährlich. Wer also von hier zurückfliegen möchte, sollte neben warmen Klamotten auch eine Portion Gelassenheit im Gepäck haben.

In Lukla sieht es mit dem Wetter nicht besser aus. Auch hier verbringe ich eine Nacht – und damit eine mehr als geplant. An jeder Ecke sitzen geschaffte Wander:innen mit ihrem Gepäck vor den Lodges und warten sehnsüchtig auf grünes Licht am Flughafen. Ich selbst versuche positiv zu bleiben: Hier habe ich ein eigenes Zimmer mit warmer Dusche und bequemem Bett. Und schon am nächsten Morgen – ein Glück – bringt mich ein Helikopter direkt nach Kathmandu.

Die Verzögerung meiner Rückreise hat leider zur Folge, dass mir in der Hauptstadt nur wenig Zeit bleibt. Ein Nachmittag reicht kaum aus, um das kulturelle Zentrum Nepals zu erkunden. Die historischen Tempelanlagen Swayambhunath, Bodhnath und Pashupatinath in der alten Königsstadt zu besichtigen, wäre zwar ein toller Abschluss der Reise gewesen. Aber was soll’s! Manche Orte verlangen eben danach, dass man sie sich für später aufhebt. Und vielleicht hast du ja Lust, dann auch wieder dabei zu sein.


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Everest Base Camp Trek: Vorbereitung und Ausrüstung