Hohes Venn: Tagestour durch das herbstliche Moor
Vor allem im Herbst ist das Pfeifengras im Hohen Venn schön anzusehen. Doch dessen rasante Ausbreitung setzt dem empfindlichen Moor zu.
Im späten Herbst scheint es, als habe sich eine rostfarbene Decke über das Hohe Venn gelegt. Von Verschleiß ist hier jedoch keine Spur: Unter diesem Farbenspiel arbeitet eines der lebendigsten Hochmoore Europas daran, unser Klima auf natürliche Weise zu schützen.
In Düsseldorf ist es noch dunkel, als ich um sechs Uhr ins Auto steige. Knapp zwei Stunden fahre ich durch den dämmrigen Morgen in Richtung Eifel, bis ich die belgischen Grenze überquere und den kleinen Ort Weismes erreiche. Ich halte an der Baraque Michel – einem modernen, zurzeit aber geschlossenen Gasthof in historischem Gewand. Von den dahinterliegenden Feldern bahnen sich zarte Nebelschleier an, die sich langsam auf dem verlassenen Parkplatz ausbreiten. Genau die richtige Stimmung, um eine herbstliche Tagestour durch das umliegende Hochmoor zu unternehmen.
Ich war bereits im Frühjahr und im Sommer im Hohen Venn unterwegs und weiß daher, dass sich die Farben des Moors im Laufe der Jahreszeiten deutlich verändern. Jetzt besuche ich die Region im Herbst – Mitte Oktober, um genau zu sein – und bin doch wieder überrascht über das Ausmaß des Wandels. Das hier typische Pfeifengras leuchtet mittlerweile in einem unverwechselbaren Rostorange. Und die Birken, die vereinzelt auf der Weide stehen, zeigen sich in ihrem goldgelben Blätterkleid. Der hellgraue Himmel an diesem zugezogenen Morgen lässt die leuchtenden Farben noch intensiver wirken.
Alles im Gleichgewicht?
Ich starte meine Wanderung auf der Hochebene des Venn, deren höchster Punkt – das Signal de Botrange – immerhin auf fast 700 Metern liegt. Hier oben entspringt die Hill, die mich den größten Teil meines Weges begleiten wird. Auf ihrer eigenen Reise durch das Moor sammelt sie aus kleineren Zuläufen immer wieder zusätzliches Wasser, um dann in der Nähe von Eupen, etwa 25 Kilometer von ihrer Quelle entfernt, in die Weser zu münden.
Von kleinen Aussichtstürmen aus lassen sich im Hohen Venn die Weiten des Hochmoors überblicken.
Der kleine Bach schlängelt sich durch eine malerische Kulisse, in der das Pfeifengras nahezu jede freie Fläche ausfüllt. Soweit das Auge reicht, tanzen unzählige Halme im Wind und tauchen das Moor (und mich) in einen fast schon meditativen Zustand. Von einem kleinen Aussichtsturm aus stelle ich sogar fest, dass sich die Gräser bis zum Horizont erstrecken. Faszinierend, denke ich. Hat die Natur hier tatsächlich die Oberhand behalten? Bei so viel unberührter Natur muss sich dich Landschaft doch in ihrem natürlichen Gleichgewicht befinden...
Etwas später lerne ich, dass der Schein trügt. Das Pfeifengras ist zwar schön anzusehen. Es konnte sich jedoch nur deshalb so gut ausbreiten, weil das Moor in der Vergangenheit von Menschen entwässert und übernutzt wurde. Viele Flächen wurden trocken- und freigelegt, wodurch viel mehr Nährstoffe in den Boden gelangt sind als das empfindliche Hochmoor verträgt. Diese sogenannte Euthrophierung ist ein “Jackpot” für das hungrige Pfeifengras, dass dieses Überangebot gut zu nutzen weiß: Rasch überragt es die nur langsam wachsenden moortypischen Pflanzenarten und findet dabei so schnell kein Ende.
Leider verstärkt die rasante Ausbreitung der Pfeifengräser ein heute schwerwiegendes Problem: Die ohnehin schon vergleichsweise trockenen Stauden verhalten sich in den immer häufiger auftretenden Dürreperioden wie Zunder. Ein kleiner Funke genügt und die Graslandschaft verwandelt sich in ein Lauffeuer. Die Konsequenzen verdeutlichte exemplarisch ein katastrophaler Großbrand, der das Hohe Venn im Jahr 2011 ereilte. Über Tausend Hektar des Naturschutzgebietes wurden seinerzeit zerstört. Der Auslöser: vermutlich eine Unachtsamkeit – nicht richtig gelöschte Grillkohlen, vielleicht ein Zigarettenstummel.
Ein natürlicher Klimaheld
Es gibt viele gute Gründe, sich das schützenswerte Ökosystem des Hohen Venn genauer anzuschauen. Einen finde ich gleich unter meinen Füßen. Über Holzstege laufe ich mittlerweile auf einem dichten Moosteppich, der große Mengen an Torf versiegelt. Diese schwammige, feuchte Erde verleiht dem Moor eine ungeahnte Superkraft: Sie ist in der Lage, Kohlenstoff zu binden – und zwar besser als jeder Wald.
Kohlenstoff ist auf natürliche Weise in allen Pflanzen enthalten. Bestimmt erinnerst du dich an das Grundprinzip der Photosynthese: Neben Wasser aus dem Boden und Licht von der Sonne nehmen Pflanzen auch Kohlendioxid (CO2) aus der Luft auf. Dabei lösen sie den Kohlenstoff (C) heraus und verwenden ihn, um Glukose zu bilden. Dieser Zucker ist die Energiequelle und Grundlage für alles, was die Pflanzen zum Wachsen brauchen. Der im CO2 ebenfalls enthaltene Sauerstoff (O2) bleibt dabei übrig und wird einfach wieder ausgeschieden. Aus einem Nebenprodukt wird unsere Luft zum Atmen.
Wenn Pflanzen im Moor absterben, sinken sie in den nassen, sauerstoffarmen Boden und werden nur teilweise zersetzt. Statt zu verrotten, verwandeln sie sich langsam in Torf – Schicht um Schicht, Jahr für Jahr – und schließen den Kohlenstoff dabei ein. Solange das Moor nass bleibt, bleibt der Kohlenstoff sicher gespeichert. Doch sobald es entwässert oder zerstört wird, kommt er wieder in Kontakt mit der Luft und gelangt als CO2 in die Atmosphäre. Das wiederum begünstigt den Treibhauseffekt, der zur Erderwärmung beiträgt. Ein gesundes Moor sorgt also dafür, dass unser ökologisches Gleichgewicht nicht aus dem Takt gerät.
Dass das Hohe Venn (idealerweise) viel Wasser beheimatet, wird während meiner Wanderung immer wieder deutlich. Andauernd blicke ich in dunkle Mooraugen – so werden die kleinen Tümpel genannt, die das sich stauende Regenwasser bildet. Wer einem solchen begegnet, wundert sich vielleicht über dessen merkwürdige Farbe: Das Wasser ist dunkelbraun, nahezu schwarz. Grund zur Sorge besteht aber nicht, da es sich dabei um eine ganz natürliche Erscheinung im Hochmoor handelt. Denn während sich Pflanzen zersetzen, geben sie damit auch ihre lichtabsorbierenden Stoffe ab. Und die sind für die auf den ersten Blick eher ungewöhnliche Farbe verantwortlich.
Die beeindruckende landschaftliche Palette des Hohen Venn geht weit über dessen torfreiche Weiden hinaus. Denn wo das Hochmoor endet, beginnt der sogenannte Hertogenwald – und mit ihm eines der größten geschlossenen Hochwaldareale in den Ardennen. Ab hier flankieren Buchen, Eichen und Tannen meinen Weg. Stellenweise kämpfe ich mich sogar abenteuerlich durch hüfthohen Farn, bevor ich über die vertrauten Holzstege zurück in das Moor gelange.
Die Stege durch das Hohe Venn sind sehr gut ausgebaut und reichen über viele Kilometer. Und immer wieder gibt es kurze Passagen, die mir einen Eindruck davon verschaffen, was mich ohne die Holzplanken erwarten würde. Der tiefgründige Morast, der häufig trügerisch wie eine kleine Pfütze wirkt, kann unter sich tiefe schlammige Löcher verbergen. Wer nicht aufpasst, versinkt darin schnell bis zum Knöchel oder noch tiefer. Besonders bei regnerischem Wetter empfehle ich dir daher unbedingt, hohe, wasserdichte Wanderstiefel zu tragen und vorher zu prüfen, ob das Hochmoor überhaupt zugänglich ist.
Falls ja, stehen die Chancen nicht schlecht, dass du die Gegend bei frühem Aufbrechen für einige Stunden ganz für dich alleine hast. Die Möglichkeit solltest du nutzen, um genau hinzuschauen, was das Venn bewegt – denn vieles spielt sich im Verborgenen ab. Es kann gut sein, dass jedes noch so unscheinbare Detail auf seine eigene Weise dazu beiträgt, diese wertvolle Landschaft am Leben zu halten.
Du planst eine Wanderung durch das Hohe Venn? Auf Komoot findest du den Streckenverlauf und die GPS-Daten zum Download. Folg mir gerne auch dort, wenn du in Zukunft keine Tour mehr verpassen möchtest!
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